Manchmal lohnt es sich, einem Fluss zuzusehen.
Wer an der Elbe steht, merkt schnell: Sie ist nie dieselbe. Mal fließt sie ruhig und breit, mal führt sie wenig Wasser, mal tritt sie über die Ufer. Sie verändert ihr Gesicht von Tag zu Tag – und bleibt doch die Elbe.
An diesem Wochenende kommen viele Menschen zum Elbekirchentag in Otterndorf zusammen. Sie sprechen und hören über die Zukunft unserer Regionen, über Klimawandel, Strukturwandel und die Frage, wie wir morgen leben werden. Hinter all diesen Themen steht eine Erfahrung, die viele von uns teilen: Die Welt verändert sich. Manches, was lange sicher schien, gerät in Bewegung.
"Anfangs ist das Wasser nur ein Rinnsal"
Auch die Bibel kennt solche Zeiten. Der Prophet Hesekiel erzählt von einem Strom, der unter dem Tempel hervorkommt. Anfangs ist das Wasser nur ein Rinnsal. Dann wird es tiefer und breiter. Schließlich wird daraus ein Fluss, den niemand mehr durchqueren kann. Und wo dieses Wasser hinkommt, dort entsteht Leben. Bäume wachsen an seinen Ufern. Verödete Landschaften werden fruchtbar. Selbst das Tote Meer verliert etwas von seiner Bitterkeit.
"Strom entspringt am Ort der Gottesgegenwart"
Mich berührt an diesem Bild, dass die Hoffnung nicht von außen kommt. Der Strom entspringt mitten am Ort der Gottesgegenwart. Von dort breitet sich Leben aus.
"Veränderungen, die uns auch herausfordern"
Wir erleben derzeit viele Veränderungen. Manche machen uns Sorgen. Andere fordern uns heraus, Gewohntes loszulassen. Nicht wenige fragen sich, was aus unserer Heimat, unserer Gesellschaft oder auch unserer Kirche werden wird.
"Aus Gottes Zukunft fließt eine Kraft, die Neues wachsen lässt"
Hesekiels Vision antwortet darauf nicht mit fertigen Lösungen. Aber sie erinnert daran: Veränderung muss nicht Verlust bedeuten. Aus Gottes Zukunft fließt eine Kraft, die Neues wachsen lässt. Oft beginnt sie unscheinbar – wie ein kleines Rinnsal. Doch sie kann Landschaften verwandeln.
"Gerade weil sie in Bewegung bleibt, schenkt sie Leben"
Vielleicht können wir von der Elbe lernen. Sie hält nicht an dem Wasser fest, das gestern durch ihr Bett geflossen ist. Gerade weil sie in Bewegung bleibt, schenkt sie Leben.
"Nach den Zeichen des Lebens Ausschau halten"
Der Glaube lädt dazu ein, Veränderungen nicht nur als Bedrohung zu sehen. Er lädt dazu ein, nach den Zeichen des Lebens Ausschau zu halten: nach Menschen, die Verantwortung übernehmen; nach Ideen, die Zukunft eröffnen; nach Gemeinschaft, die trägt; nach Hoffnung, die größer ist als unsere Sorgen.
Die Elbe fließt weiter. Und mit ihr die Erinnerung daran, dass Gott auch in bewegten Zeiten Quellen des Lebens eröffnet.
Kerstin Tiemann, Superintendentin im Ev.-luth. Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln
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